Geschichten

Von Tür zu Tür
Eine Advents- und Weihnachtsgeschichte
(Fortsetzung zur Erzählung » Die Kassiererin « und » Der Bösewicht «)

Von Bastian Fähnrich, im November 2007
Für Georg, mein Patenkind ...


Wie viele Türen gibt es wohl auf der Welt? Millionen oder gar Milliarden? Wie dem auch sei, tagtäglich gehen wir jedenfalls durch unzählige Türen. Sie lassen sich ohne Probleme öffnen, und wir machen uns weiter keine Gedanken darüber. Aber bisweilen stehen wir vor oder hinter verschlossenen Türen. Man kann vielleicht auch sagen, dass wir im Laufe unseres Lebens so manche Erfahrung mit Türen machen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um wirkliche, frei erfundene oder Türen im übertragenen Sinn handelt. Denken Sie mal an den Adventskalender. Ist es nicht eine Freude, jeden Tag, vom ersten Dezember bis zum Heiligabend, eine neue Tür öffnen zu dürfen? Haben Sie von König Blaubarts verbotener Kammer gehört, und von dessen Gemahlin, welche die Tür mit einem goldenen Schlüssel aufzuschließen wagte und den Schreck ihres Lebens erhielt? Oder überlegen Sie, welche Enttäuschung damit einhergeht, dass ein von Ihnen insgeheim geliebter Mensch die Tür seines Herzens verschlossen hält, selbst wenn Sie noch so sachte und beständig anklopfen?

Und da wir gerade die Vorweihnachtszeit erleben (das nehme ich doch an, muss aber nicht unbedingt sein. Zumindest schreibe ich selbst diese Geschichte im Advent auf), möchte ich Ihnen ein weiteres Beispiel nicht vorenthalten: bestimmt kennen Sie die Geschichte von Maria und Josef, die auf der Suche nach einer Herberge in Bethlehem, der Geburtsstätte des Jesus von Nazareth, nirgendwo Einlass erhielten. Der Überlieferung nach fanden sie schließlich in einem Stall Unterkunft. Eine schöne Geschichte, nicht wahr! Aber ist Ihnen auch aufgefallen, dass der Stall, zumindest in gewöhnlichen Darstellungen, gar keine Tür hat? Nicht dass ich mir auf diese Beobachtung etwas einbilden würde… Oder vielleicht doch. Inzwischen schon. Wie es dazu gekommen ist? Das möchte ich Ihnen nun erzählen. Wie Sie sicher bereits ahnen können, ist es eine Geschichte über Türen. Oder an Türen. Um Türen. Und so weiter. Egal. Die Geschichte hat sich vor nunmehr sieben Jahren ereignet, zu einer Zeit, als es in meinem Leben ziemlich trostlos aussah.

Aber ich muss wohl etwas weiter ausholen mit meiner Erzählung, mich zunächst kurz vorstellen und meine Situation zur Jahrtausendwende schildern: Mein Name ist Heinz Schlosser. Auch wenn mein Nachname auf Schlosser lautet, von Beruf bin ich, oder war ich Schreiner, Türmacher. Ja, ich fertigte damals Türen, oder ich hatte sie über Jahre hinweg hergestellt. In einem kleinen, mittelständischen Betrieb. Bis zu dem Zeitpunkt, als eine recht große Firma den Betrieb aufkaufte. Den Rest können Sie sich fast schon denken. Ja, man hat mir damals die Tür gewiesen, so unerhört das auch klingen mag. Man ließ mich wissen, dass ich auf der Schwelle zum Greisenalter stehen würde, mit meiner Erfahrung aber hoffentlich anderswo Anstellung finden könne. Hm, wahrscheinlich in der Brot- und Suppenschlange vor irgendeiner Kirche, dachte ich seinerzeit. Aber da gehe ich nicht hin. So weit kommt’s noch! Vorher kehre ich bei Vater Staat ein, schwor ich mir.

In den ersten Wochen nach meiner Entlassung versuchte ich des Öfteren, bei der neuen Firma vorzusprechen. Das ging so weit, bis dort ein Türsteher angestellt wurde, der mich selbst sowie weitere frühere Mitarbeiter und sogar den ehemaligen Besitzer davon abhielt, die Werkstatt zu betreten. Gott sei Dank war ich damals nicht verheiratet, und Kinder hatte ich auch keine. Na, so ist es auch geblieben bis heute. Aber das tut hier nichts zu Sache. Doch stellen Sie sich nur einmal vor, wie ich ohne Arbeit und geregeltes Einkommen den Lebensunterhalt für eine ganze Familie hätte aufbringen sollen? Na, im Nachhinein betrachtet war es also bestimmt gut so, wie es war. Ich selbst bin ja ein Mensch ohne große Ansprüche. Doch ich hatte damals auch etwas Geld gespart. Zwar nicht viel, aber immerhin. Es reichte für ein paar Monate. Um mein Handwerk nicht zu verlernen, richtete ich mir mit dem Ersparten eine Werkbank in meiner kleinen Wohnung in der Nähe einer der vielen Elbkanäle ein.

Und so stellte ich fast jeden Tag genau eine Tür her. Ungefähr nach den Plänen und Maßen, die ich noch im Kopf hatte von den Kundenbestellungen in meinem alten Betrieb. Sie werden sich jetzt wundern, wo ich all das benötigte Material herbekam. Das Holz für das Türblatt und den Rahmen, das Metall für die Beschläge und Scharniere, den Kunststoff für die Dichtungen. Ich könnte die Liste noch weiter fortsetzen. So viele unterschiedliche Materialien erfordert das Türmachen! Aber keine Frage: kaufen konnte ich nichts, das wäre zu teuer gewesen. Gelegentlich bekam ich eine Fuhre Altholz von der Müllhalde, auf der ein junger Kollege aus meiner ehemaligen Firma (er hatte nur noch neun Finger – einer war ihm an der Kreissäge abhanden gekommen) beschäftigt war. Und im Baumarkt hat mir eine freundliche Verkäuferin an der Infotheke ab und zu Metallteile und ausgediente Schlösser verschafft. Aber das Material reichte auf Dauer nicht aus. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als tagtäglich die zuletzt hergestellte Tür in eine neue Tür umzugestalten: eine Einsparung da, eine Verkürzung dort, und fertig war die neue Tür. Mit der Zeit verkleinerte sich dabei die Tür natürlich zwangsläufig. Aber was sollte ich auch sonst tun?

Eine gewisse Zeit lang habe ich selbstverständlich versucht, die jeweils gefertigte Tür an den Mann oder die Frau zu bringen, über das gewohnte Kundennetzwerk. Dabei habe ich auch gleich nachgefragt, ob es nicht Zeit für eine Neubestellung wäre. Ich bin ja nicht dumm. Aber nirgendwo stieß ich auf offene Türen, sofern man auf diese überhaupt stoßen kann. Schließlich überlegte ich: vielleicht sollte man nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Und so habe ich ein paar Mal im Abendblatt sowie in der Morgenpost inseriert und meine Dienste angeboten. Einige Hausfrauen meldeten sich zwar auf meine Anzeige hin, aber die Damen hatten wohl anderes im Sinn als Türen. Eine der Zuschriften ist mir aber in Erinnerung geblieben. Es war nur eine Zeile, dafür jedoch umso merkwürdiger: "Nutze stets den Raum zwischen Tür und Angel." Was auch immer dieser Satz besagen will, mit einem handwerklichen Tipp hat er bestimmt wenig zu tun.

Letztlich meldete ich mich dann doch beim Arbeitsamt. Dort riet man mir, mich selbstständig zu machen. Damals wusste man noch nichts von Ich-AG’s und dergleichen, aber im Prinzip war der Gedanke schon da. Nur mir selbst fehlte die nötige Idee für ein eigenes Unternehmen. Türen waren ja allem Anschein nach nicht mehr gefragt, oder zumindest keine Anfertigungen eines erfahrenen Schreiners. Und so ließ ich mich auf die Warteliste zur Arbeitsvermittlung setzen und hoffte beständig auf Jobangebote. Die Sozialhilfe verweigerte ich aber. Aus Prinzip, und hanseatischer Sturheit. Ich zimmerte weiterhin jeweils eine Tür pro Tag und nahm dabei jedoch, wie schon gesagt, in Kauf, dass sie allmählich immer kleiner wurde. Im Advent vor der Jahrtausendwende war die Tür bereits so klein, dass sie eigentlich nur noch für einen Kinderkaufladen oder so etwas Ähnliches Verwendung hätte finden können. Enttäuscht nahm ich die Tür und stellte sie auf dem Dachboden meiner Wohnung ab.

Es kam Heiligabend, den ich, zugegebenermaßen, in einer Bar auf der Reeperbahn verbrachte. Ja, hier hat man über die Jahre hinweg gelernt, wie man mehr oder weniger erfolgreich das Gewerbe wechselt. Vom Beruf der Reeper oder auch Seiler, die Schiffstaue, das heißt, Reepe herstellten und auf langen Bahnen mühsam spannten und verdrillten, zu Huren und Zuhältern. Sicher, auf dem Kiez bieten auch noch andere Unternehmer Vergnügen gegen Geld, aber es ist und bleibt Deutschlands berühmt-berüchtigste Sündenmeile. Meines Wissens gibt es in Hamburg heute nur noch eine einzige echte Reeperbahn. In einer Seilerei, die sich trotz internationaler Konkurrenz auf dem Markt behaupten kann. Nicht in St. Pauli, soviel sollte nunmehr klar sein. Aber es gibt sie. Irgendwo jenseits von Elbe und Alster. Während ich noch darüber sinnierte, wie man sich in dieser Stadt über Wasser halten konnte, gesellte sich ein Kumpel zu mir an den Tresen. Gemeinsam zechten wir dann, wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch.

An alles Weitere, das damals geschah, kann ich mich nicht genau erinnern. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich nach Hause kam. Als ich am ersten Weihnachtsfeiertag irgendwann gegen Mittag in meiner Wohnung auf dem Sofa mit einem Brummschädel aufwachte, nahm ich zunächst an, eine Polizeistreife von der Davidwache habe mich aufgegriffen und zuhause abgeliefert. Zum Glück war mir also ein eher unfreiwilliger Aufenthalt hinter Schloss und Riegel erspart geblieben, wähnte ich erleichtert. Nicht alle Türen muss man von beiden Seiten gesehen haben! Doch dann bemerkte ich, dass es ungewöhnlich kalt war in meiner Wohnung. Ich schwankte zum Eingang, noch leicht benommen und mit einem recht flauen Gefühl in der Magengrube. Die Tür stand offen. Sie war aufgebrochen und ließ sich nicht mehr ganz schließen. Zudem hatte sich der Rahmen etwas verzogen.

Ich suchte in meinen Taschen nach meinem Hausschlüssel – zur besagten Stunde hatte ich noch meine Kleider vom Vortag an. Der Schlüssel war verschwunden. Sollte mich mein Zechgenosse nach Hause begleitet und uns gewaltsam Eintritt in meine vier Wände verschafft haben? Er war es jedoch nicht gewesen; das stellte sich zumindest einige Zeit später heraus. Auch fehlte nichts aus meiner Wohnung. Viel zu holen gab es dort sowieso nicht. Bis heute habe ich nicht herausfinden können, wer mir in dieser Nacht in mein Zuhause geholfen hat. Allzu viele Nachforschungen wollte ich jedoch nicht betreiben. Sie verstehen schon, warum ich es zu guter Letzt einfach dabei belassen habe, nichts genaues über meine Heimkehr zu wissen. Ich reparierte die Tür notdürftig mit ein paar Handgriffen, so dass sie lediglich einen Spaltbreit offen stehen blieb. Am nächsten Tag wollte ich den Rahmen ausbessern. Dann trank ich in der Küche eine Tasse Tee, zog mich um und legte mich schlafen.

Gegen neun Uhr abends erwachte ich wieder. Von draußen tönten laute Stimmen gedämpft durch mein Schlafzimmerfenster, das an die Straße grenzte. War bei den Eheleuten im Haus gegenüber mal wieder ein Streit im Gange? Es war ja immerhin Weihnachten. Eine Tür schlug. Ich stand auf, ging ans Fenster und kippte es ein wenig. Auf der Straße stand eine schwer erkennbare Gestalt mit einem Bündel. Hinter dem Fenster im Nachbarhaus auf der anderen Seite konnte ich zudem jemanden ausmachen, der offenbar den gleichen Gedanken hatte, wie ich selbst. Die Gestalt mit dem Bündel wandte sich mittlerweile dem nächsten Hauseingang zu. Oh je, wieder irgend so ein Hausierer, ging es mir durch den Kopf. Aber zu dieser späten Stunde, und an einem Feiertag? Dann schon eher einer dieser übereifrigen Missionare, die einem zwischen Tür und Angel ein Gespräch über Gott und die Welt aufzwingen wollen. Moralapostel, Pharisäer – wenn die doch bloß zuerst vor ihrer eigenen Tür kehren würden!

Am Nachbarhaus ging die Tür auf, und Licht fiel auf die Gestalt. Sie gestikulierte unbeholfen mit dem Bündel, und dann hörte ich undeutlich auch ein paar Wortfetzen: … Sie müssen es wissen… helfen Sie mir doch… hören Sie einfach zu… Mehr konnte ich nicht verstehen. Es war ein Mann, der Stimme nach zu urteilen. Aber bereits im nächsten Augenblick rief der Nachbar, welcher dem Fremden die Tür geöffnet hatte: "Scheren Sie sich zum Teufel. Sie sind doch verrückt! Machen Sie, dass Sie fortkommen!" Und dann krachte die Tür ins Schloss. Der Mann mit dem Bündel war wieder in Dunkelheit getaucht. Er blieb wohl für einen Moment auf den Stufen der Vortreppe stehen. Ich schob die Gardine an meinem Fenster etwas weiter zurück und versuchte, genauer hinzusehen. Der Mann musste es bemerkt haben, denn nun kam er über die Straße auf meine Wohnung zu. Schritt für Schritt. Unaufhaltsam.

Dann erst schaltete ich. Unrasiert, wie ich war, im Schlafrock und in Hauspantoffeln eilte ich zur Eingangstür. Sie war ja lediglich angelehnt, und der Verrückte, oder wer der Fremde auch immer sein mochte, brauchte die Tür nur aufzuziehen, um ungehindert eintreten zu können. Natürlich kam ich zu spät. Der Mann hatte bereits einen Fuß über die Schwelle gesetzt, bevor ich ihn aufhalten konnte. Ich versperrte ihm den Weg. Hm, nun muss ich aber kurz anmerken, dass ich in meiner Aufregung ganz vergessen habe, was er im Folgenden genau sagte. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch keine direkte Rede wiedergeben. Lassen Sie mich nur beschreiben, was geschah. Er sah irgendwie verzweifelt, aber dennoch entschlossen aus, wie, das kann ich gar nicht richtig in Worte fassen. Mir kommen dazu nur das Gesicht und der Ton meines ehemaligen Chefs in den Sinn, als er der versammelten Belegschaft vom Aufkauf durch das größere Unternehmen erzählte und alle Mitarbeiter über die betrieblichen und personellen Konsequenzen aufklärte.

Aber weiter mit der Geschichte. Der Mann war recht jung, die Haare waren zerzaust,tiefschwarz, zumindest bei den Lichtverhältnissen in meinem Flur. Er sprach hervorragend Deutsch, sofern ich das bemerken darf. War also eher kein Ausländer. Mehr kann ich wirklich nicht über ihn sagen, denn als nächstes fiel mein Blick auf das Bündel in seiner Hand. Es war gar kein Bündel, nein, sondern eine Puppe. Aus Holz. Umwickelt mit Leinen. Es verschlug mir fast die Sprache. Was sollte denn das? Schließlich fragte er mich (ich glaube mal, er tat das wirklich), ob ich wissen würde, wo diese Puppe her sei. Dabei streichelte er über deren Kopf, zupfte das Gewebe zurecht und wiegte die Puppe vor seiner Brust. Ich konnte nicht umhin, als zu überlegen. So ungewöhnlich war die Situation, so vernehmlich drängend und direkt stellte mir der fremde junge Mann diese simple Frage. Nach einer Weile des gegenseitigen Schweigens nickte ich ihm zögerlich zu. Schließlich brachte ich ein "Ja, ich weiß es" über meine Lippen. Er seufzte erleichtert. Dann drückte er mir die Puppe in die Hand, klopfte mir kurz auf den Rücken, drehte sich auf dem Absatz um und trat ins Freie.

So was. Im nächsten Moment zog ich mich um, so schnell es mir möglich war. Der Witterung entsprechend kleidete ich mich mit meinem warmen Wintermantel, einer Mütze, und streifte zur Sicherheit auch noch ein Paar Handschuhe über. Mit der Holzpuppe unterm Arm ging ich schließlich geradewegs zur Katharinenkirche, die nur ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt liegt. Aus der Zeitung (oder war es der Gemeindebrief?), die lediglich hier im Quartier zugestellt wird, hatte ich entnommen, dass dort eine Krippe aufgestellt sei über die Feiertage. Mit Figuren in Lebensgröße, kunstvoll aus Holz geschnitzt. Der junge Mann hatte sich bestimmt einen dummen Streich erlaubt, das Jesuskind gestohlen und sich letzten Endes nicht mehr getraut, es wieder zurückzubringen. Nichts für ungut. Es war an der Zeit, dass ich selbst zur Besinnung kam und etwas Vernünftiges tat. Denn auch wenn ich seinerzeit noch nichts vom Glauben hielt, so hatte ich damals doch schon so etwas, das man allgemein wohl "Gewissen" zu nennen pflegt.

Der Rest ist relativ schnell erzählt. Als ich bei der Kirche St. Katharinen ankam und die allseits bekannte biblische Szene in einem recht einfach erbauten Holzverschlag erblickte, traute ich zunächst meinen Augen nicht. In der Krippe des Stalls lag ein lebendiges Wesen, ein Säugling, ein Baby aus Fleisch und Blut. Ja, direkt neben, oder vielmehr zwischen Maria und Josef, eingewickelt in einen bunten Flickenteppich. Es schlief tief und fest, als ich es vorsichtig aus der Krippe nahm, und so friedlich, wie man sich dies bestimmt nur als Eltern vorstellen und wünschen kann. Dann legte ich das hölzerne Jesuskind in den Futtertrog zurück, wie es sich gehörte. Alles hatte nun wieder sein Recht und seine Ordnung. Na, fast alles. Ich begab mich auf den Weg nach Hause. Bewusst langsam setzte ich einen Fuß vor den andern, so als wollte ich sicherstellen, dass meine Gedanken mit mir selbst Schritt halten konnten.

Niemand anderes hatte an diesem Abend offenbar das Findelkind in der Krippe bemerkt. Wie lange es wohl dort gelegen hatte, ohne von einer Menschenseele entdeckt worden zu sein? Es musste ein gerade Neugeborenes sein. War unter Umständen der junge Mann an meiner Haustür der Vater? Wo war er geblieben? Und die Mutter? Warum das alles? Ich versuchte, Antworten auf meine Fragen zu finden, aber vergeblich. Es machte nichts, stellte ich letztlich fest. Denn im Grunde genommen gab es damals Wichtigeres zu klären. Ich beschleunigte meinen Gang. Zu Hause angekommen, rief ich sofort bei der Heilsarmee an. Von einem Kumpel hatte ich gehört, dass dort jemand rund um die Uhr erreichbar wäre für Notfälle. So war’s dann auch: sie schickten binnen einer halben Stunde eine Diakonin vorbei, die den Säugling umgehend versorgte und kurzfristig in einer Sozialstation einquartierte.

Eigentlich könnte ich die Erzählung hier beenden. Aber sie geht noch weiter. In dieser Nacht fand ich verständlicherweise kaum Schlaf. Am nächsten Morgen, es war der zweite Weihnachtsfeiertag, meldete sich die Polizei bei mir. Meine Personalien hatte ich ja für alle Fälle bei der Heilsarmee hinterlassen. Man vernahm mich zu den Ereignissen, und sicher gibt es irgendwo in den Archiven noch ein amtliches Protokoll dazu. Ich erfuhr, dass es sich bei dem Baby um ein Mädchen handelte und es wahrscheinlich kurz nach der Niederkunft ausgesetzt wurde. Gemeinhin nennt man dies eine "anonyme Geburt", ließ ich mir erklären. Aber was gab es da groß zu erklären? In gewissen Stücken ist mir die Geschichte noch immer ein Rätsel. Bis heute habe ich nur wenige vertraute Menschen an den hier geschilderten Vorkommnissen teilhaben lassen. Keine Zeitung hat bisher darüber berichtet. Kein Reporter hat das Geschehen je ins Bild gesetzt. Und das soll auch so bleiben. Warum ich nun aber diese Geschichte erzähle?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich möchte hier nicht auf alle eingehen. Schließlich sollen Sie ja auch noch was zum Überlegen haben. Und wie bereits erwähnt, auch ich selbst bin nicht allwissend. Also, warum? Zum einen, um meinem Patenkind dessen eigene Geschichte in ansprechender Art und Weise zu überliefern. Man weiß ja nie, wann einen das Zeitliche segnet. Kurzum, ich möchte einfach, dass sie erfährt, wie, wann und wo sie gefunden wurde. Ja, glauben Sie mir, oder auch nicht: das Findelkind hat mich zum Paten. Ich darf es jetzt auch endlich beim Namen nennen (er ist sowieso abgeändert, wie ebenfalls mein eigener) – Jessica heißt das Mädchen. Und bald werde ich ihr, sozusagen zum siebten Geburtstag, eine Krippe schenken. Ich habe sie fachmännisch gebastelt aus dem Holz der Tür, welche ich seinerzeit auf dem Dachboden meiner Wohnung abstellte. Das Krippen-Geschenk, wie auch diese Erzählung, ist mit Jessicas Eltern, genauer gesagt, ihren Adoptiveltern, natürlich abgesprochen.

Und raten Sie mal, wer die Adoptiveltern sein könnten! Aber ich schweife ab, hin zu einer weiteren Geschichte. Dazu neige ich wohl neuerdings. Es muss das Alter sein Entschuldigen Sie bitte! Tut mir leid, Ihre wertvolle Zeit so in Anspruch zu nehmen. Doch haben Sie recht schönen Dank für Ihre wunderbare Geduld. Hm, zum anderen will ich also gerade mit dieser Geschichte Menschen, die sich in Notlagen befinden, etwas Trost spenden und Hoffnung machen. Als ob ich das könnte… Nun denn, wie dem auch sei. Bestimmt möchte ich mit dem hier Erzählten jedoch nicht Eltern zum Aussetzen ihrer Kinder oder arbeitslose "junge Alte" zu ähnlichen Taten wie den meinen ermuntern. Es gibt für jeden Menschen, im Fall des Falles, gewiss andere Möglichkeiten, und über die richtige Entscheidung oder gar Fügung habe Gott sei Dank nicht ich zu befinden. Erinnern Sie sich gegebenenfalls nur an Ihr Gewissen. Damit ist oftmals schon viel geholfen.

Lassen Sie mich nun aber diese Erzählung abschließen: einige Tage nach den beschriebenen Ereignissen, vor Neujahr noch, setzte sich das Arbeitsamt mit mir in Verbindung. Sie hätten da eine interessante Stelle für mich, zwar als Schlosser, aber man bräuchte meine Erfahrung als Schreiner und Türmacher, in einem Betrieb nicht unweit von meiner Wohnung. Sicher ist Ihnen, werter Hörer oder Leser, schon die so genannte "Babyklappe" untergekommen. Oder nicht? Schauen Sie nach, im Internet oder dem Hamburger Branchenbuch. Stichwort "Babyklappe". Es ist eine gar nicht so neue oder moderne Idee. Ja, manchmal tun sich im Verlauf der menschlichen Geschichte eben Türen auf, an die man zu bestimmten Zeiten überhaupt nicht mehr denkt. Hm, jetzt aber richtig zum Schluss: falls Jessicas leiblicher Vater oder leibliche Mutter diese Zeilen hört oder liest, und eventuell Jessica oder Ihre Adoptiveltern kennen lernen möchte: es dürfte nicht allzu schwer sein, meine Adresse ausfindig zu machen. Meine Tür steht Ihnen jederzeit offen ...

Diese Geschichte ist frei erfunden, auch wenn in ihr mitunter absichtlich Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen oder Orten zur Sprache kommen.

Als Lesung oder freie Erzählung, im Hamburger Dialekt konzipiert.
Vorgetragen am 5.12.2007 in Oulu, Finnland


Veröffentlichung an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors Bastian Fähnrich.
Bastian Fähnrich, Von Tür zu Tür [pdf]

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