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Der Bösewicht
Eine Advents- und Weihnachtsgeschichte
(Fortsetzung zur Erzählung » Die Kassiererin «)

Von Bastian Fähnrich, im November 2005
Was für eine herrliche, fantastische, beinahe unglaubliche Geschichte, die ich nun auf ein paar Seiten erzählen will! Ich möchte ausdrücklich betonen, dass die Geschichte – bis auf ein paar kleine Details – tatsächlich wahr sein dürfte oder könnte, selbst wenn mir niemand Glauben schenken will, nachdem er sie gelesen oder gehört hat. Aber auch ich kenne die Geschichte ja nur vom Hörensagen. Das heißt, die Kassiererin eines Supermarkts in meiner Stadt – welche für ihre hervorragende Erzählkunst und ihren wunderbaren Schatz an wirklichen und erfundenen Geschichten im ganzen Wohnbezirk bekannt und bei fast allen Kunden beliebt war – hat sie mir kurze Zeit vor ihrem seltsamen Verschwinden persönlich erzählt. Aber das merkwürdige Verschwinden der Kassiererin aus dem Supermarkt ist gewiss eine andere Geschichte, die ich bereits früher berichtet habe, und die – auch wenn sie auf Papier schon ein mehr oder weniger sinnreiches Ende hat – womöglich noch gar nicht abgeschlossen ist.

Ja, wenn ich es so recht bedenke, dann hat eigentlich auch die Erzählung, welche ich jetzt in einigen Sätzen schildern werde, kein wirkliches Ende. Aber das macht nichts. Zumindest scheint sie einen ordentlichen Anfang zu haben. Nun, wenigstens möchte ich sagen, dass sie so richtig erst damit beginnt, dass ein Mann im mittleren Alter aus Augsburg in Deutschland – sein Name spielt hier keine Rolle, ich möchte ihn einfach Herr Soundso nennen – eines Tages im Herbst, als er noch in einem Gefängnis Münchens saß und den Rest einer dreijährigen Freiheitsstrafe verbüßte, in der Zeitung eine viel versprechende Stellenanzeige entdeckte.
Seine Entlassung stand damals kurz bevor, und Herr Soundso suchte schon seit Monaten nach einer Arbeit für die Zeit danach. Er war von Beruf LKW-Fahrer, aber aufgrund seiner Verurteilung wegen unrechtmäßiger Personenbeförderungen an Grenzübergängen der EU konnte er diesen nicht mehr ausüben. Keine Spedition der Welt würde ihn mehr einstellen. Zu viele Absagen hatte er bereits erhalten.

Herr Soundso war äußerst unglücklich. Auch das Leben als Häftling war ja nicht gerade einfach. Jeden Tag konnte er sich zwar für einige Stunden in der Poststelle des Gefängnisses beim Sortieren der ein- und ausgehenden Briefe, Ansichtskarten und Pakete nützlich machen und ein wenig Geld verdienen. Er hätte aber selbst gerne Post bekommen oder verschickt. Doch zu seinem Leidwesen hatte er niemanden mehr, der sich über ein paar Zeilen von ihm gefreut oder ihm gar selbst eine solche Freude bereitet hätte. Na, das stimmt so eigentlich nicht, denn Herr Soundso hatte ja eine Tochter. Sie hieß Manuela und war gerade einmal neun Jahre alt. Doch er hatte sie schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn seine ehemalige Frau hatte sich noch während der Untersuchungshaft von ihm getrennt, und im Scheidungsprozess wurde ihm dann nach allen Regeln der Gesetzesauslegung das Fürsorgerecht entzogen und jedweder Kontakt zu seiner Tochter untersagt. Die Unterhaltszahlungen konnte Herr Soundso von dem geringen Lohn für seine Tätigkeit im Gefängnis zwar aufbringen, für ihn selbst blieb aber nur noch wenig übrig.

Auch wenn ihm der Kontakt zu seiner Tochter verboten war, hatte er ihr zu Beginn seiner
Inhaftierung dennoch mehrere Briefe geschrieben. Aber jeder Brief kam ungeöffnet zurück mit der Aufschrift „Empfänger unbekannt, verzogen“. Auf Anfrage bei der Behörde, die ihm in dieser Sache bestimmt hätte Auskunft geben können, erfuhr er, dass man die Adresse vor ihm geheim halten musste. Nach einer Weile fand er sich damit ab. Der Verlust schmerzte ihn jedoch sehr. Am meisten vermisste er die gemeinsam verbrachte Zeit mit seiner Tochter. Denn auch wenn er selten zu Hause gewesen war, so hatte er sich doch bemüht, ein guter Vater zu sein. Er hatte Manuela etwa schon früh Lesen und Schreiben beigebracht. Zudem hatte er ihr Geschichten erzählt, wann immer der Augenblick dafür passend erschien und sie ihn um eine Erzählung bat. Besonders in der Adventszeit. Seine Frau hatte das nicht gemocht: er sei nur ein Schönredner, und er würde Manuela mit allzu viel Fantasie über kurz oder lang den Realitätssinn verderben. Ja, am schlimmsten seien die Geschichten vom Christkind und Weihnachtsmann. Die seien bloße Märchen, nichts als Hirngespinste. Ihr wäre es bedeutend lieber gewesen, er hätte mehr Geld nach Hause gebracht, dann hätte sich das Leben für die Familie viel besser gestalten lassen. Tja, genau daran sollte er aber schließlich scheitern und musste seinen Fehler bitter bereuen.

Nun, wie schon gesagt, eines Tages im Herbst – kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis –
bemerkte er eine Stellenanzeige in einer Zeitung. Die Annonce war seine letzte Hoffnung. Dort stand geschrieben: „Wicht mit hervorragender deutscher Sprachkenntnis für das Hauptpostamt des Weihnachtsmanns im finnischen Lappland gesucht!“ Und weiter hieß es dort: „Im Hauptpostamt am Polarkreis arbeiten das ganze Jahr über insgesamt 12 Wichte als Gehilfen des Weihnachtsmanns. In einem internationalen Team sorgen die Wichte dafür, dass die aus der ganzen Welt eingesandte Post nach Sprachen und Ländern sortiert und archiviert wird. Im Archiv des Hauptpostamts befinden sich ca. 8 Millionen Briefe, und jedes Jahr treffen mehrere hunderttausend Zuschriften ein. Für die Post aus Deutschland, Österreich, Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz ist momentan noch eine Halbtagsstelle als Wicht zu besetzen. Beschäftigung in Teilzeit garantiert vom 15. Oktober bis 15. Januar, nach Eignung bzw. Probezeit evtl. auch längerfristige und ganztägige Anstellung möglich. Für Unterkunft und Verpflegung im angegebenen Zeitraum ist gesorgt, d.h. der zukünftige Wicht kann ggf. im sog. Weihnachtsdorf Quartier beziehen und in der Mitarbeiter-Kantine speisen. Bewerbungen mit Gehaltswunsch, Passfoto, polizeilichem Führungszeugnis und amtlich beglaubigten Unterlagen zur Arbeitserfahrung und zum Ausbildungsstand bitte bis spätestens 20. September an: Santa Claus’ Main Post Office, Santa Village, FIN-96930 Rovaniemi“.

Herr Soundso schnitt die Stellenanzeige sorgfältig aus und steckte sie zwischen die Seiten seines Notiz- und Kalenderbuchs, das er normalerweise immer bei sich trug. Er überlegte, was er tun könnte, denn er war überzeugt, dass er diese Gelegenheit auf jeden Fall ergreifen musste. In der Gefängnisbücherei besorgte er sich umgehend einen Atlas und studierte eine Karte von Finnland. Er wusste zwar, wo der Polarkreis lag, aber er hatte bisher angenommen, dass in diesen Breitengraden keine Menschenseele mehr wohnte. Sollte er sich tatsächlich als Wicht beim Hauptpostamt des Weihnachtsmanns bewerben, und hatte er überhaupt eine Chance, diesen sicher sehr begehrten Arbeitsplatz zu erhalten? Kurz entschlossen begab er sich zum Büro des Gefängnisdirektors, und als er tatsächlich ohne vorherige Anmeldung eingelassen wurde, bat er ihn freundlichst um Unterstützung. Der Gefängnisdirektor überlegte nicht lange, sondern versprach, ihm nach besten Kräften zu helfen. Gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin schrieb Herr Soundso in den darauf folgenden Tagen seine Bewerbung und schickte sie mit allen erforderlichen Papieren gerade noch rechtzeitig ab. Der Gefängnisdirektor hatte der Bewerbung sogar noch ein persönliches Empfehlungsschreiben hinzugefügt.

Es dauerte ein paar Wochen, bis aus Finnland Rückmeldung kam. Den Tag, an dem das Schreiben dann endlich eintraf, wird Herr Soundso wohl niemals vergessen. Denn dank eines EU-weiten Resozialisierungs- und Arbeitsbeschäftigungsprogamms für ehemalige Strafgefangene war Herr Soundso als Bewerber bevorzugt behandelt worden. Ja, er hatte den Job wirklich erhalten und wurde bereits erwartet!
An seinem Entlassungstag verabschiedete ihn der Gefängnisdirektor mit den aufmunternden Worten: „Nun, Herr Soundso, ich glaube, aus Ihnen wird ein ganz guter Wicht da oben im hohen Norden! Nur zu schön, dass ein einstiger Bösewicht wie Sie, der sich bei uns hier ja schon durch eine ausgezeichnete Führung bewährt hat, gerade den Arbeitsplatz als Helfershelfer von Väterchen Frost erhalten hat!“ Und nach einem kräftigen Händedruck fügte er noch mit einem Schmunzeln hinzu: „Wer weiß, womöglich haben Sie ja sogar das Zeug zum Weihnachtsmann! Man braucht ganz bestimmt hin und wieder einen Stellvertreter“. Das wusste er wohl aus Erfahrung, hatte er doch mit seiner Familie vor einigen Jahren im Winter auf dem Weg zum Nordkap an der offiziellen Residenz des Weihnachtsmanns Halt gemacht und festgestellt, wie viele Menschen dort Tag für Tag einen Besuch abstatteten.

Und so stand Herr Soundso wenige Zeit später auf dem Flughafen von Rovaniemi. Sein letztes Geld hatte er für die Anreise verbraucht. Zudem hatte es gerade noch für etwas warme Kleidung gereicht. Diese war wohl nötig, dachte er, als er mit den anderen Passagieren über das schon etwas mit Schnee und Eis bedeckte Rollfeld in Richtung Empfangshalle schritt. Sein Atem bildete kleine Wolken im Flutlicht, das die Lande- und Startbahn grell erleuchtete. Er sah ihnen nach, bis sie sich langsam in der kalten Luft auflösten. Der Himmel über ihm war noch sternenlos, aber er hatte sich bereits in ein solches tiefes Blau verfärbt, welches er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Es war erst Nachmittag, aber wie er wusste, wurde es in Lappland zu dieser Jahreszeit bereits früh dunkel. Im Sommer musste es dafür rund um die Uhr hell sein. Vielleicht würde er dies ja auch noch erleben. Bevor er jedoch weiter seinen Gedanken nachhängen konnte, bemerkte er hinter der Zollkontrolle eine Frau in einem roten Kostüm. Dazu trug sie eine rote Zipfelmütze. Das war das Erkennungszeichen – die offizielle Kleidung von Wichten. Er ging schnell auf sie zu und stellte sich vor. Sie begrüßte ihn herzlich, und kurz darauf saßen sie in einem alten VW-Bus und fuhren gemeinsam in Richtung Weihnachtsdorf.

Auf dem Weg dorthin unterhielten sie sich auf Englisch über die bisweilen recht unterschiedlichen Weihnachtsbräuche in Deutschland und Finnland. Nebenbei erfuhr Herr Soundso, dass im Hauptpostamt des Weihnachtsmanns schon jede Menge Arbeit auf ihn wartete.
Es war eine schöne Strecke bis zum Polarkreis. Es ging durch leicht hügelige, mit Fichten- und Birkenwäldern übersäte Landschaften. Ab und zu war ein freier Abschnitt zu sehen. Sumpfgebiet, wie ihm die Wichtin zuvorkommend erklärte. Auf der gut geräumten Straße befand sich leichter Schneestaub, den die entgegenkommenden Autos im Fahrtwind immer wieder aufwirbelten. Im Licht der Scheinwerfer und Laternen betrachtet ein faszinierender Anblick, der ihn mit einem Mal an seine Transporte nach Sibirien erinnerte, auch wenn Russlands Straßen im Winter eher aus einer dünnen Oberfläche aus Eis mit gelegentlichen Schlaglöchern bestanden. Nun, wie dem auch gewesen sein mag, das stete Geräusch der Spikereifen auf dem schwarzgrauen Asphalt im Norden Finnlands wirkte irgendwie beruhigend auf Herrn Soundso.
Als sie schließlich nach einer Weile im Weihnachtsdorf ankamen, erwarteten sie schon weitere Wichte, die Herrn Soundso sogleich in seine Unterkunft führten – ein gemütliches Zimmer mit Bett, Stuhl, Schreibtisch, WC und Dusche in einer Blockhütte aus nordischem Kiefernholz. Es dauerte nicht lange, da schlief er schon zufrieden.

Am darauf folgenden Tag durfte sich Herr Soundso erst einmal eingewöhnen. Er schaute sich das Weihnachtsdorf sehr genau an. Zumeist bestand es aus Gebäuden, in denen Händler alle möglichen Dinge rund um Weihnachten feilboten. Doch an Ort und Stelle befand sich in einem Holzhaus auch eine Informationstheke für Touristen, an dem diese Auskunft über das Urlaubsprogramm örtlicher Reiseveranstalter einholen konnten und verschiedene Aktivitäten für Groß und Klein angepriesen wurden. So standen beispielsweise Schneemobile und Wärmeanzüge für Abenteuerlustige zum Ausleihen bereit, und ein paar Rentiere verbrachten ihre Zeit in einem Gehege, bis sie für gelegentliche Schlittenausflüge in die nächste Umgebung gebraucht wurden. Über Lautsprecher ertönte ständig Weihnachtsmusik. Ein wahres Einkaufs- und Erlebnisparadies also, wie es sie
eigentlich auch an anderen Plätzen der Welt gibt. Wäre da nicht auch die Residenz des
Weihnachtsmanns gewesen. In einer kleinen Kammer saß er da in einem breiten Sessel und empfing Besucher aus aller Herren Länder. Durch seinen weißen Bart murmelte er in mehreren Sprachen die besten Grüße für Kinder und Erwachsene, und auf seinem dunkelroten Umhang konnte man sein heraldisches Emblem bestaunen: vier herzförmige Stickereien, die gemeinsam ein Kreuz bildeten. Natürlich sprach auch Herr Soundso beim Weihnachtsmann vor und machte sich aufs Höflichste mit seinem „Arbeitgeber“ bekannt.

Anschließend begab sich Herr Soundso ins Hauptpostamt, wo er von einem Wicht, der neben
Finnisch und Englisch auch etwas Deutsch sprach, fachkundig in seine Arbeit eingewiesen wurde.
Die nächsten Tage und Wochen vergingen wie im Flug. So viel Post hatte er selten gesehen. Die Wichte hatten nicht nur die Aufgabe, die eingetroffenen Zuschriften fleißig zu sortieren und zu archivieren, sondern auch zu lesen und dem Weihnachtsmann als Lektüre nach Feierabend zu übermitteln. Es waren vor allem Kinder, die ihre Wunschlisten geschrieben und diese oftmals noch mit Zeichnungen oder Bildern versehen hatten. Nicht wenige Kinder beschenkten sogar den Weihnachtsmann, unter anderem mit eigenen Gedichten oder Liedertexten. Selbstverständlich war bei Kindern alles mögliche Spielzeug sehr beliebt, doch es befanden sich auch ausgefallenere Anliegen unter den Einsendungen. So erbaten einige der Kinder etwa Frieden und Gerechtigkeit für die Welt. Andere wiederum forderten den Weihnachtsmann dazu heraus, die Armen der Erde auf seiner alljährlichen Reise um den Globus nicht zu vergessen und dabei die Herzen der Reichen zu erweichen. Außerdem waren Sendungen von Kindern darunter, die für sich selbst oder ihre an Krankheit leidenden Angehörigen und Bekannten ein Wort einlegten und nach Gesundheit verlangten. Letztlich gab es ebenfalls Briefe und Ansichtskarten, mittels derer sich Kinder ihre bereits verstorbenen oder sonst irgendwie abhanden gekommenen Eltern, Geschwister und Freunde wieder herbeiwünschten oder den Weihnachtsmann ganz einfach zu mehr oder weniger verzwickten Erziehungs-, Schul- und sogar Liebesproblemen befragten.

Es war Herrn Soundso nicht ganz klar, ob die Absender jemals ein Antwortschreiben vom
Weihnachtsmann erhielten. Wie er etwas später im Gespräch mit einigen Wichten herausfand, konnte man immerhin über Internet offizielle Briefe – natürlich gegen Bezahlung einer entsprechenden Gebühr – bestellen. Dafür wurden diese Briefe dann aber auch extra mit dem Stempel und der Briefmarke des Weihnachtsmanns versehen und per Luftpost verschickt.
Herr Soundso hatte während den Dienstzeiten ab und zu Gelegenheit, einen Blick ins Archiv zu werfen. Dort stapelten sich die Zusendungen an den Weihnachtsmann in hunderten von Regalen. Anscheinend stimmte die Zahl der Einsendungen mit den Angaben in der Stellenausschreibung überein. Doch so sicher war er sich da nicht. Jedenfalls kam eines Tages im November eine Archivarin zu Besuch, die gerade eine Ausstellung der Kinderzuschriften für das Postmuseum in Helsinki plante. Sie bewahrte eine Auswahl aller Briefe und Ansichtskarten aus den letzten 20 Jahren bei sich zuhause auf und hatte schon die Schautafeln mit dem Schreibgut von Kindern aus ungefähr 150 Ländern zum Transport in die Hauptstadt Finnlands vorbereitet. Sie wollte von den Wichten in der Hauptpost des Weihnachtsmanns aber noch in letzter Minute ein paar aktuelle Eingänge haben. Als man ihr diese schließlich überreichte, fragte sie die Anwesenden, ob denn nicht einer der Wichte das Ausstellungsmaterial per LKW nach Helsinki liefern könnte – der finnische Fahrer sei wegen Krankheit leider kurzfristig ausgefallen.

Da meldete sich Herr Soundso bereitwillig. Er konnte mittlerweile ruhig schon etwas Abwechslung gebrauchen, und im Grunde genommen sprach ja seine berufliche Ausbildung und Erfahrung für ihn. Noch am selben Abend meldete er sich ordnungsgemäß beim Personalleiter des Hauptpostamts ab, so dass die Fahrt bereits am nächsten Morgen in Begleitung der Archivarin losgehen konnte.
Viel zu sehen bekamen sie während der durchaus langen Reise nicht – unterwegs gerieten sie in einen äußerst zähen Schneesturm, der sich erst wieder im Süden Finnlands legte, als sie fast schon ihren Zielort erreicht hatten.
Im Postmuseum half er beim Errichten der Ausstellung mit. Jede Schautafel hatte ihren bestimmten Platz. Nachdem die Arbeit getan war und sich die Archivarin mit einem befreundeten Kollegen aus der Staatsbibliothek auf eine Tasse Kaffee und ein Schwätzchen verabschiedet hatte, machte Herr Soundso eine Runde durch die Ausstellung. Interessiert betrachtete er die Briefe und Postkarten. Doch plötzlich stockte ihm der Atem. Er traute kaum seinen Augen und
musste mehrmals blinzeln und hinsehen, um sich zu vergewissern. Da war die Kopie eines Briefs in deutscher Sprache. Die Handschrift kam ihm irgendwie bekannt vor, und das, was er zu lesen bekam, bestätigte seinen Verdacht: Ein Mädchen vermisste ihren Vater, insbesondere die gemeinsamen Erzähl- und Geschichtestunden. Die Mutter war in Ordnung, aber sie wollte ihr nicht sagen, wo ihr Vater geblieben war. Das Mädchen bat den Weihnachtsmann um Rat. Neben der Unterschrift – Manuela – befand sich auch die Adresse.

Herr Soundso konnte es nicht glauben. Ihm kamen die Tränen, dann besann er sich. Er wusste, was nun zu tun war. So klar hatte er noch nie gesehen. Er nahm sein Notiz- und Kalenderbuch und vermerkte darin die Anschrift seiner Tochter. Auf der Fahrt zurück an den Polarkreis unterhielt er sich mit der Archivarin. Er erzählte ihr von seinem Fund und was es damit auf sich hatte. Sie hörte ihm geduldig zu und hieß seine weiteren Absichten gut. Zumindest hätte er ihr vollstes Verständnis. Außerdem versprach sie, ihm das Original von Manuelas Brief auszuhändigen.
Zurück im Weihnachtsdorf – sie waren die ganze Nacht hindurch gefahren – setzte sich Herr Soundso sofort an den Schreibtisch. Er holte Papier und Füllfederhalter aus der Schublade und begann zu schreiben. Er schrieb und schrieb. Bis er den letzten Satz jedoch zu Ende bringen und den Brief mit den besten Wünschen abschließen konnte, vergingen mehrere Stunden. Als er endlich fertig war, lehnte er sich für einen Moment erschöpft zurück. Dann stand er auf, ging ins Hauptpostamt, nahm die offizielle Briefmarke des Weihnachtsmanns, klebte sie auf den Umschlag, stempelte den Brief ab und legte ihn zur übrigen Post.
Am Nachmittag wurden die Sendungen fürs Ausland abgeholt und direkt am Flughafen aufgegeben. Von nun an wartete Herr Soundso sehnsüchtig auf Antwort. Und sie kam, irgendwann im Januar. Von seiner Tochter, Manuela. Er schrieb ihr wieder zurück.

Ja, wenn ich mich recht an die Worte der Kassiererin aus dem Supermarkt erinnern sollte, dann dürften sich die beiden noch heute schreiben. Vielleicht haben sie sich in der Zwischenzeit sogar persönlich getroffen. Und, selbst wenn dies nun vielleicht zu schön klingt, um wahr zu sein: Als die ehemalige Frau von Herrn Soundso eines Tages zu verstehen begann, dass nicht der Weihnachtsmann hinter den vielen Briefen steckte, über die sich ihre Tochter so sehr freute, sondern ihr einstiger Gatte, da fügte sie einem Schreiben Manuelas kurzerhand einige liebenswürdige Zeilen und einen wohl gemeinten Gruß hinzu.

Veröffentlichung an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung des Autors Bastian Fähnrich.
Bastian Fähnrich, Der Bösewicht [pdf]

Fortsetzung: Bastian Fähnrich, Von Tür zu Tür

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